Naturnahe Wiederbegrünung mit regionalem Saatgut – in Österreich fehlen wichtige Grundlagen

 

Wo es um Infrastruktur in schwierigem Gelände geht, dort genießt österreichische Ingenieurskunst weltweit einen herausragenden Ruf: von Wegebau bis hin zu Seilbahnen – österreichisches Knowhow ist immer gefragt. Trotz dieser führenden Stellung gibt es aber auch in Österreich noch Gelegenheit zur Verbesserung. Denn nach wie vor werden häufig kommerzielle Saatgutmischungen verwendet, um beim Bau von Infrastruktur beeinträchtigte Flächen im Anschluss wieder zu begrünen. Diese kommerziellen Saatgutmischungen werden in großen Mengen und möglichst billig produziert, teils auch in fernen Ländern. Auf eine ökologische Anpassung an den Einsatzort wird häufig zu wenig Wert gelegt. Dadurch entstehen immer wieder gravierende Probleme. An sensiblen Standorten wie etwa im Gebirge wächst das Saatgut schlecht an, Erosion wertvollen Bodens ist die Folge. Mit dem Einbringen von standortsfremden Samenmaterial aus anderen Klimazonen wird zudem die heimische Vegetation verfälscht, die eingebrachten Arten können sich unkontrolliert verbreiten und führen zum Verlust an Biodiversität.

Dabei gäbe es eine bessere Alternative. Die Forschung aus 30 Jahren belegt, dass regional gewonnene Samen für naturnahe Begrünungen im Offenlandbereich ökologisch wertvolle Ergebnisse bringen  und hinsichtlich Ausfallraten, Erosion und Folgekosten eine überlegene Investition darstellen. Die österreichische Forschungsanstalt Raumberg-Gumpenstein setzt sich seit Jahren für die Herstellung von Wildpflanzensaatgut ein und hat dafür nun auch das Gumpensteiner Herkunftszertifikat entwickelt. Ein paar Saatgutproduzenten haben diese Entwicklungen bereits zum Anlass genommen  regionales Saatgut durch Vermehrung zu produzieren und zu vermarkten. In einigen Bundesländern wird dieses auch schon häufig zur Wiederbegrünung eingesetzt. Auch gibt es vereinzelt Kleinproduzenten, Organisationen und Initiativen (z. B. zuletzt im Tiroler Wipptal), welche die Anwendung direkter Ernte- und Begrünungsmethoden z. B. mit Heublumen und Wiesendrusch vorantreiben.

Doch all das ist erst ein Anfang. Die Tiroler Landesumweltanwaltschaft schreibt zum Beispiel in ihrem Positionspapier „Eingriffe im Hochgebirge“ (2015), dass die Verfügbarkeit standortgerechten Saatguts nach wie vor ein Problem darstellt. In Österreich fehlen einfach noch zahlreiche Grundlagen für eine breitere Anwendung von regionalem und lokalem Saatgut. Es mangelt beispielsweise an einer gebündelten Initiative zur Information der Öffentlichkeit, wie es in Deutschland gemacht wurde. Es fehlt ein Netzwerk zum Unterstützen der interessierten Praktiker, wie es etwa in der Schweiz seit einigen Jahren aufgebaut wird. Und vor allem wird derzeit in Österreich auch keine gesetzliche Verankerung der Nutzung von lokalem bzw. regionalem Saatgut bei Wiederbegrünungsprojekten angedacht. Im Vergleich dazu: in Deutschland ist die Verwendung von gebietseigenem Pflanzenmaterial in Deutschland ab 2020 verpflichtend. Sieht man die zahlreichen Initiativen, die in anderen europäischen Ländern (z. B. auch in Frankreich) laufen, erscheint es erstrebenswert sich fachlich noch intensiver mit den Nachbarn auszutauschen.

Die Vorteile einer standortgerechten Wiederbegrünung liegen auf der Hand, aber es bleibt die Herausforderung die Verwendung von regionalen und lokalem Saatgut auf eine breite Basis zu stellen und den Einsatz in Österreich so zu verbessern, wie es dem globalen Ruf unserer Ingenieurskunst entspricht.

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Zur Autorin: Eva-Maria Cattoen ist beratend bei geplanten Wiederbegrünungen aktiv, fördert den Wissenstransfer vom akademischen Umfeld in ein angewandtes betriebliches Umfeld und unterstützt Praktiker, die sich für die Produktion oder Verwendung von regionalem Saatgut interessieren, in dem sie über Produktionsmethoden, Anwendungsmöglichkeiten und aktuelle Trends der Branche informiert.

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